Skip navigation

blockquote>

Logo_Vision-vom-Untergang_BIZ_72dpi-

„JOURNALISMUS IN DER DIKTATUR“

Ein Projekt des Deutschen Pressemuseums im Ullsteinhaus e.V.
im Themenjahr 2013 „Zerstörte Vielfalt“

Über das Projekt| Zum Leitmotiv | Übersicht historische Orientierungen

—————————————————————————————————————————————————————————————————————-

Übersicht
Ausgewählte Artikel – Zur historischen Orientierung
Weitere Tagesmeldungen – Dokumente – Links

Ausgewählte Artikel Berliner Morgenpost vom 14.7.1933

BMP_14.7.33_Titel

Quelle: Deutsches Pressemuseum im Ullsteinhaus e.V.

——-

Verfügung an Bayerns Arbeitsämter, BMP Seite 2

+BMP_14.7.33_S.2

Quelle: Deutsches Pressemuseum im Ullsteinhaus e.V.

 

Verfügung an Bayerns Arbeitsämter, BMP Seite 2 (Transkript)

Der Präsident des Landesarbeitsamtes Bayern hat an die Vorsitzenden der Arbeitsämter in ganz Bayern ein Rundschreiben erlassen, in dem es heißt:

„Künftig sind offene Arbeitsstellen vorzugsweise mit geeigneten Angehörigen der SA und SS der NSDAP zu besetzen. Ich gehe von dem Gedanken aus, daß es im Interesse der Staatssicherheit unbedingt notwendig ist, freiwerdende Arbeitsstellen mit solchen Arbeitssuchenden zu besetzen, die durch ihre Zugehörigkeit zur SA oder SS der NSDAP die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit bereit sind, den nationalsozialistischen Staat zu verteidigen. Die politische Lage erfordert, daß nach dieser Richtung hin von den bisher geübten Vermittlungsgrundsätzen, die zudem in erster Linie den staatsfeindlichen Elementen zugute kamen, abgegangen wird, abgesehen davon müssen es die Arbeitsämter als Ehrenpflicht betrachten, den Kämpfern für die nationalsozialistische Revolution Arbeit und Brot zu verschaffen.

——–

1 ¼ Millionen Angestellte im neuen Gesamtverband, BMP Seite 3

+BMP_14.7.33_S.3

Quelle: Deutsches Pressemuseum im Ullsteinhaus e.V.

 

1 ¼ Millionen Angestellte im neuen Gesamtverband,
BMP Seite 3 (Transkript)

Rund 1 ¼ Millionen männliche und weibliche Angestellte aller Berufe, die bisher in mehr als 100 Verbänden und Vereinen organisiert waren, sind nunmehr in den Gesamtverband der Deutschen Angestellten übergeführt und unter einheitlicher Leitung zusammengefaßt worden. Der Gesamtverband gliedert sich in neun Verbände.

Den Verbänden sind durch Umwandlung bisheriger Ersatzkassen fünf Berufskrankenkassen angegliedert, und zwar DHV-Kasse, Berufskrankenkasse für Kaufmannsgehilfen, DTV.-Kasse, Berufskrankenkasse für Techniker, DWV.-Kasse, Berufskrankenkasse für Werkmeister Geda-Kasse, Berufskrankenkasse der Büro- und Behördenangestellten und kleinerer Berufsgruppen im Gesamtverband, B.w.A.-Kasse, Berufskrankenkasse der weiblichen Angestellten.

Der zweite Teil der im Plan des Führers des Gesamtverbandes der deutschen Angestellten, Forster, vorgesehenen Maßnahmen ist die Eingliederung der Unorganisierten in die Deutsche Arbeitsfront.

Demgemäß haben alle deutschen Angestellten, die bisher keinen der genannten neun Verbände angehören, ihre Eingliederung in die Deutsche Arbeitsfront durch Erwerbung der Mitgliedschaft bei dem für ihren Beruf zuständigen Berufsverband vorzunehmen.

Aufgenommen werden nur Angestellte arischer Abstammung.

———

Die Neuordnung des deutschen Sports, BMP Seite 8

+BMP_14.7.33_S.8

Quelle: Deutsches Pressemuseum im Ullsteinhaus e.V.

 

 

Hinweis

Die Anpassung der Spitzenfunktionäre des deutschen Sports an den politischen Kurs des Staates schreitet fort.

 

Die Neuordnung des deutschen Sports, BMP Seite 8 (Textauszug)

Im Reichsinnenministerium tagten gestern die Führer der Deutschen Sportverbände unter Leitung des Reichssportkommissars von Tschammer-Osten. Reichsinnenminister Dr. Frick nahm zu den sportlichen Fragen Stellung. […]

Der Einbau des neuen Turn- und Sportbetriebes und seine Gesamtorganisation in Deutschland ist der Beweis dafür, welch große Bedeutung die nationalsozialistische Regierung der Leibeserziehung des jungen deutschen Menschen beimißt. […]

Mit Beginn des Schulantritts muß der jugendliche deutsche Mensch bewacht und behütet, besorgt und gepflegt an Körper und Seele von Staat und Familie, hineinwachsen in freudiger Begeisterung für die Erziehungswerte, welche ihm Körper und Geist stärken helfen. Er muß hineinwachsen über alle körperlichen Erziehungsmethoden hinweg, die im wesentlichen im Sport ihren höchsten Ausdruck finden, zu naturhafter Entschlossenheit, zu männlichem Mut und, wenn es sein muß, auch Draufgängertum. […]

Mit Gesetzen und Erlassen allein wird dem jungen Menschen nicht gedient und werden keine Kämpfer erzogen, sondern durch die tatkräftige Erziehung in dem soldatischen Geist der Disziplin, der Unterordnung und des kameradschaftlichen Gemeinschaftsgefühls.

———

Pressestimmen

Brennsessel vom 12.7.1933 – „Flugblatthetze“

Brennessel 12.7.1933

 Quelle:AKiP

——-

Weitere Tagesmeldung

Die deutsche Reichsregierung erlässt 30 neue Gesetze, darunter die Gesetze „gegen die Neubildung von Parteien“ und „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“.

Siehe auch: Kalenderblatt Deutschlandfunk vom 14.7.2013: Vor 80 Jahren wurde das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verkündet: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kalenderblatt/2176174/

——-

Per Reichsgesetz wird eine vorläufige Filmkammer geschaffen, dessen Vorstand vom Propagandaministerium ernannt wird.

——-

Reichssportkommissar Hans von Tschammer und Osten übernimmt die Führung der Deutschen Turnerschaft.

——

Studt, Reich, 24f._a

Studt, Reich, 24f_b

——–

Horkenbach, Reich, 284Horkenbach, Reich, 285——–

Tagebuch

Aufzeichnungen des Schriftstellers und Pazifisten Kurt Hiller (1885 – 1972) über seine Inhaftierung im KZ Columbiahaus in Tempelhof am 14.7.1933

„Am 14. Juli 1933 beginnt für mich die Periode der Qual. Ich vermag den seelischen Zustand nicht zu beschreiben; ich kann nur beschreiben, was ihn hervorrief.
Mittags holen sie mich ab. Ein hagerer, raubtierischer Kommissar in Zivil und ein SS-Knecht. Sie reißen mich aus der Wohnung, erlauben mir nichteinmal, das Lüsterjäckchen auszuziehen, das ich im Hause trage, und die Jacke anzulegen, die Teil des Anzugs ist. Zahnbürste und dergleichen – nichts darf mit. Ich müßte barhäuptig ins Auto steigen, würfe die treue Aufwartefrau Losensky mir nicht den Hut auf die Treppe nach. Als ich, im Auto, mich zum Kommissar umwende, Boxhieb des Schwarzen gegen mein Kinn; noch einer. Im Hofe des frisch eingerichteten Geheimen Staatspolizei-Amts, Prinz-Albrecht-Straße, hält der Wagen. Der Schwarze packt mich, stößt mich die Treppe hinauf, zuletzt in ein Zimmer, wo ein SS-Mann mit drei Sternen, ‚Sturmführer‘, Leutnantstyp, thront; ich muß mich dicht an die Wand stellen, mit dem Gesicht zur Wand.“

„Wir müssen uns in einem engen halbdunklen Gang nebeneinander aufstellen, müssen alles, was wir bei uns haben, vor uns niederlegen, im Hut oder in der Mütze: also Brieftasche, Uhr, Messer, Bleistifte, Portemonnaie, sogar den Ring vom Finger, Krawatte und Kragen, das Taschentuch, den Hosengurt, die Schnürsenkel. Die Hose rutscht, das Schuhwerk laatscht. Vor jeden von uns tritt ein SS-Kerl, ganz dicht, fast Nase an Nase. Ich schaue mir meinen an, sein Antlitz still analysierend. Er brüllt, ich Schwein solle zu Boden sehn. Sein Nachbar, grinsend, wünscht mit ihm zu tauschen. Vor mich hin tritt ein riesiger Boxkanake, Promenadenmischung, höhnischer Blick, spitze, etwas zu kleine Nase, unten rötlich. Er lacht mich dreckig an: ‚Solche weeche Neese, die lieb‘ ich besondas‘ – und schon habe ich vier, fünf Fausthiebe im Gesicht, mit voller Kraft aus nächster Nähe versetzt, so daß mir schummerig vor Augen wird und das Blut in vollem Strom aus der Nase schießt.“

„Die Mitte des Raums nimmt ein großer viereckiger blankgescheuerter Tisch ein; rings um ihn sitzen und stehen rund zwanzig SS-Leute, einer mit nacktem Oberkörper, muskelbepackt wie der Henker auf Schundbildern, offenbar ein professioneller Athlet. Die Gesichter der Männer: nicht höhnisch, eher ruhig-gespannt, wie im Zirkus vor Beginn der Vorstellung. Das Kommando führt ein dicklicher bierblonder Patron, Mitte dreißig, über den ich später erfahre, daß er Lipke oder ähnlich heißt. Ich muß mich über den Tisch legen; vier Kerle pressen mir die Hände an die Tischkanten und halten meine Füße fest. Hinter mich tritt der Entblößte, mit riesiger Peitsche (ich sehe sie nicht, aber ein paar Tage später zeigt sie mir in meiner Zelle grinsend der Boxer – sie ist zwei bis drei Meter lang und aus weich-breitem gelbem Leder). Fünfundzwanzig Hiebe, mit herkulischer Kraft verabreicht. Nach dem fünften, sechsten glaube ich: das ist nicht überlebbar, und beginne zu schreien. Das stachelt die Leute; spöttische Zurufe. Nach dem vielleicht zwanzigsten Hieb brülle ich, ich würde ohnmächtig. Ich werde es nicht. Nach dem fünfundzwanzigsten tritt eine Pause ein. Ich falle zu Boden; man reißt mich auf. Man befiehlt mir, Hose und Unterhose herunterzulassen, und ich muß mit dem Bauch von neuem über den Tisch. Man umklammert mir die Gelenke, drückt meinen Kopf mit einer Wucht auf die gescheuerte Platte, als wäre er auf der Gesichtsseite selber platt, hebt mir das Hemd hoch, und nun folgen abermals fünfundzwanzig. Durch die Gewöhnung und bei sich verminderndem Bewußtsein werden sie um den Schatten einer Spur weniger unerträglich als die ersten.
Nach der Exekution bin ich nicht viel lebendiger als eine Leiche. Auf der Tischplatte, dort wo mein Kopf lag, liegt eine große Lache Blut. ‚Blutverlust: gering!‘ höhnt Lipke. Dann fragt er mich: ‚Na, is dir eena abjejangen?‘ Die Frage verrät den Frager und das Rudel. Ich wanke zum Waschraum, vielmehr werde gewankt. Man steckt mir den Kopf unter einen dicken Strahl kalten Wassers: als Peinigung gedacht, als Wohltat empfunden. Von Abtrocknen keine Rede. Man treibt mich im Laufschritt zur Zelle; ein ungeheurer Fußtritt befördert mich hinein. Ich fliege an die der Tür gegenüberliegende Steinwand; auf der Stirn klafft eine Wunde; ich versinke auf dem Strohsack in Schlaf.
So sieht der Anfang, so sieht der Empfang aus – nicht nur bei mir. Alle Intellektuellen werden so empfangen, alle Juden, die meisten Kommunisten, von den jetzt allmählich hereinströmenden Sozialdemokraten ein Teil. Später erzählt mir ein Kamerad, er habe nicht wie ich fünfzig Peitschenhiebe, sondern hundertzehn bekommen. Der Fall war nicht selten, daß ganze Gesäßbacken fortoperiert werden mußten, weil das zerwalkte Fleisch faulte. Ob die Erbarmungswürdigen Prothesen erhielten, weiß ich nicht.“

Quelle: http://www.hiller-gesellschaft.de/kz.htm#kz

———

Dokumente

Becker, Hitler, 378——

Antisemitische Verordnungen vom 14.7.1933

Walk, Sonderrecht, 37

——

Walk, Sonderrecht, 38

——–

Gesetz gegen die Neubildung von Parteien (14.7.1933)

§ 1

In Deutschland besteht als einzige politische Partei die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei.

§ 2

Wer es unternimmt, den organisatorischen Zusammenhalt einer anderen politischen Partei aufrechtzuerhalten oder eine neue politische Partei zu bilden, wird, sofern nicht die Tat nach anderen Vorschriften mit einer höheren Strafe bedroht ist, mit Zuchthaus bis zu drei Jahren oder mit Gefängnis von sechs Monaten bis zu drei Jahren bestraft.

Hitler, Frick, Gürtner

aus: Sösemann/Lange, Propaganda, Nr. 90

 

Zur historischen Orientierung

Das Ende der Parteien

Vom 14. Juli an existierte im Deutschen Reich nur noch eine Partei: die NSDAP. Der NS-Staat hatte sich verfassungsrechtlich konsolidiert; die „Revolution“ war nach Auffassung Hitlers abgeschlossen (Rede , 1.7.). Der Leiter der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley spottete, der deutsche Parteienstaat sei „elendig auf dem Schlachtfeld der nationalsozialistischen Revolution krepiert“. Die Hitler-Papen-Hugenberg-Koalition war damit endgültig zerstört. Auf ihrer Basis hatte Hitler überhaupt nur an die Regierung gelangen können. Die „Steigbügelhalter“ rund um den Reichspräsidenten, die sich der NSDAP-Führung für ihre eigenen Interessen hatten bedienen wollen, mussten nun erkennen, dass sie den ungebildeten Volkstribunen unterschätzt hatten. Alle Hitler auferlegten Einschränkungen hatte dieser in relativ kurzer Frist beseitigen können, weil er systematisch, hemmungslos und gewalttätig, unter Bruch von Verabredungen, Konventionen und Traditionen sowie rhetorisch und propagandistisch nicht ungeschickt vorgegangen war. Nun war Hitler nicht einmal mehr auf den Reichspräsidenten angewiesen. Die Anpassungsbereitschaft und der Opportunismus in den Führungsschichten von Staat und Gesellschaft haben dabei einen raschen Umbau des Staates im nationalsozialistischen Sinn erleichtert. Parteien, Verbände und Gewerkschaften bewiesen nicht einmal in entscheidenden Situationen Stärke, Entschlossenheit und Härte. Es existierte kein breiter, organisierter und somit kein schlagkräftiger Widerstand von liberalen Demokraten und Republikanern. Sie beraubten sich vielmehr ihres Einflusses und ihrer Macht selbst (Ermächtigungsgesetz)

Zur Langfassung

 

———

Gesetz über Volksabstimmung (14.7.1933)

§ 1

1. Die Reichsregierung kann das Volk befragen, ob es einer von der Reichsregierung beabsichtigten Maßnahme zustimmt oder nicht.

2. Bei der Maßnahme nach Abs. 1 kann es sich auch um ein Gesetz handeln.

§ 2

Bei der Volksabstimmung entscheidet die Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen. Dies gilt auch dann, wenn die Abstimmung ein Gesetz betrifft, das verfassungsändernde Vorschriften enthält.

§ 3

Stimmt das Volk der Maßnahme zu, so findet Artikel 3 des Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich vom 24. März 1933 (RGBl. I S. 141) entsprechende Anwendung.

§ 4

Der Reichsminister des Innern ist ermächtigt, zur Durchführung dieses Gesetzes Rechtsverordnungen und allgemeine Verwaltungsvorschriften zu erlassen.

Hitler, Frick

aus: Sösemann/Propaganda, Nr. 91

——-

Gesetz über die Errichtung einer vorläufigen Filmkammer (14.7.1933) (Auszug)

§ 1

Zur Vereinheitlichung des deutschen Filmgewerbes wird eine vorläufige Filmkammer mit dem Sitz in Berlin als öffentlich-rechtliche Körperschaft errichtet.

§ 2

Die vorläufige Filmkammer hat die Aufgabe, das deutsche Filmgewerbe im Rahmen der Gesamtwirtschaft zu fördern, die Belange der einzelnen Gruppen dieses Gewerbes untereinander sowie gegenüber Reich, Ländern und Gemeinden (Gemeindeverbänden) zu vertreten sowie einen gerechten Ausgleich zwischen den im Arbeitsleben auf diesem Gebiet Stehenden herbeizuführen.

(….)

Hitler, Goebbels

aus: Sösemann/Lange, Propaganda, Nr. 92

Zur Langfassung

 

——–

Bibliografie

Nachweis der Dokumentationen und Darstellungen sowie der Zeitschriften und Zeitungen

Lektüre-Empfehlungen

Links

Kontakt

Die Pressechronik 1933 – „Journalismus in der Diktatur“ ist ein Projekt des
Deutschen Pressemuseums im Ullsteinhaus e.V.

Konzept und Projektkoordination: Holger Wettingfeld
Wissenschaftliche Beratung, Inhalt und Kommentare: Prof. Dr. Bernd Sösemann
Anfragen unter pressechronik@dpmu.de

Kooperationspartner

Prof. Dr. Bernd Sösemann

KPB-Logo_RGB

logo Stabi_jpg

Berliner Morgenpost

logo_axel_springer_infopool

ub-web-logo-klein-1

Stiftung_Presse-Haus NEU 2011_klein

Erhard Höpfner Stiftung

EHS_Logo

Stiftung Klassenlotterie Berlin