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Die leitenden Gesichtspunkte

Unter den Leitfragen „Wie wurde der Leser nach dem 30. Januar 1933 informiert?“ und „Wie gestaltete sich der Übergang aus der verschleierten Diktatur der Präsidialkabinette in die offensichtliche Diktatur Hitlers?“ sollen in den kommenden Monaten dem historisch Interessierten die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse von 1933 nahe gebracht werden. Dazu wird die Online-Seite des DPMU unter einer Vielzahl von Aspekten thematisch-inhaltlich abwechslungsreich gefüllt, so dass sich im Verlauf des Jahres ein Gesamtbild ergeben dürfte, das quellennah gezeichnet und gut dokumentiert ist. Der Intention des Gesamtprojekts „Zerstörte Vielfalt“ entsprechend, stehen im Mittelpunkt der hier präsentierten PRESSECHRONIK 1933: „Journalismus in der Diktatur“ Berichte über den Alltag der Menschen. Form, Inhalt und Stil der Zeitungsbeiträge geben auch Auskünfte über die Arbeitsbedingungen und Einstellungen von Redakteuren, die Zeichnern und Fotografen. Auf Vergangenes und Folgendes wird nur in den Ausnahmefällen verwiesen, die eine ergänzende Erläuterung nötig erscheinen lassen.

Der aussagekräftigen einjährigen Anfangsphase soll bewusst der gesamte Raum zur Verfügung stehen. Das zentrale Interesse gilt einer Beurteilung der Monate der Machteroberung und ersten entscheidenden Maßnahmen der diktatorialen Machtsicherung. Ebenso konsequent werden die Adressaten und Rezipienten der Publizistik vorgestellt, die zeitgenössischen Leser in der NS-Diktatur. Gerade Tageszeitungen bieten dafür außerordentlich viel Material. Sie sind eine hervorragend geeignete Quelle, obwohl sie trotz ihres weit gespannten publizistischen Auftrags und des zumeist ähnlich breit ausgedehnten journalistischen Interesses keineswegs die Gesamtheit der Ereignisse zu erfassen vermögen. Aus der schier grenzenlosen Ereignisfülle mussten die Redaktionen auch damals schon auswählen. Deshalb werden die publizistischen Quellen hier nicht isoliert präsentiert, sondern im Gesamtkontext der nationalsozialistischen Diktatur, d.h. sie werden durch weitere Medien und Materialien ergänzt. Zusammen mit informierenden und kommentierenden Texten aus der heutigen Zeit soll eine differenzierte und kritische Erläuterung geboten werden.

Die Gestaltung und Inhalte der Online-Präsentation

Ausgehend von der Berichterstattung, wie sie in den historischen Ausgaben der „Berliner Morgenpost“ zu finden ist, werden dem Nutzer dieser Online-Plattform vom 30. Januar bis zum 31. Dezember 2013 einzelne ausgewählte Seiten und sämtliche Titelblätter der Zeitung von 1933 vorgestellt. Eine Fülle von weiteren aussagekräftigen Zeugnissen der Zeit, die sich täglich wechselseitig erläutern, wird hinzukommen:

  • Gesetze, Verordnungen, amtliche und offizielle Verlautbarungen, Zensurdekrete und Presseanweisungen,
  • Aufrufe, Manifeste und Flugblätter, Flugschriften und Beispiele aus der Untergrundliteratur,
  • Meldungen und Kommentare von Zeitschriften,
  • Tages- und Wochenzeitungen: Berichte, Reportagen, Kommentare, Leserbriefe, Humor- und Rätselseiten sowie Reklame und Werbung,
  • Meldungen/Berichte von Nachrichtenagenturen und Illustrierten aus ganz Deutschland sowie dem Ausland (ggf. in Übersetzungen),
  • Plakate und Fotografien, Zeichnungen und Karikaturen,
  • Memoiren, Briefe und Tagebücher,
  • Chronologien und Übersichten, Statistiken und Schaubilder bzw. Organigramme.

Außerdem finden sich noch Lektürehinweise auf empfehlenswerte Werke (Sachbücher und wissenschaftliche Darstellungen) sowie ein Verzeichnis der abkürzt nachgewiesenen Zitate und Dokumente. – Die mitunter nicht leicht zu lesende Fraktur-Drucktype wird zumindest in einigen wichtigen Partien durch die heute gebräuchliche Antiqua-Schrift ersetzt. Alle Hervorhebungen in den Vorlagen werden in kursiver Schrift wiedergegeben.

Während des ganzen Jahres 2013 ist eine grundsätzliche Schwierigkeit zu berücksichtigen, wenn täglich eine für das jeweilige historische Datum vorgesehene Dokumentation entstehen soll. Montags erschien die BMP von 1933 nämlich nicht! Deshalb sollen die „historisch bedingten Lücken“, sämtliche Montage vom Januar bis zum Dezember 1933, mit weiteren Beiträgen der historischen Dienstag-Ausgaben gefüllt werden.

Zum Start und Fortgang der Präsentation

Eine Zeitung kann über die Tagesereignisse frühestens in einer Abend- oder Nachtausgabe bzw. am Folgetag berichten. Die PRESSECHRONIK 1933: „Journalismus in der Diktatur“setzt aber, dem historischen Anlass gerecht werdend, bereits am 30. Januar 2013 mit der Berichterstattung über den 30. Januar 1933 ein. Auf einen entsprechenden bildlichen Auftakt, wie er vermutlich erwartet wird, muss verzichtet werden: Eine BMP-Titelseite mit dem Aufdruck „30. Januar 1933“ existiert nicht, weil das erste unserer historischen Daten auf einen Montag fiel. Deshalb nimmt diesen freien Platz eine beeindruckende Zeichnung aus dem Jahr 1933 ein. Sie verweist bereits in der Anfangsphase auf die Katastrophe. In dem Bild wird ein mögliches Ende der Hitler-Papen-Hugenberg-Regierung in Zerstörung und Krieg, Leid und Tod vorweggenommen. Es stammt von einem Mitarbeiter des Ullstein Verlags, von Theo Matejko (1893-1946). Das Werk des viel gerühmten Zeichners erfasst einen wichtigen Teilaspekt des Gesamtthemas der PRESSECHRONIK 1933: „Journalismus in der Diktatur“. Es weist uns Nachlebende eindringlich auch auf Zweierlei hin. Mittelbar auf die eigentlich banale Tatsache, dass Zeitgenossen – seien es nun kommentierende Journalisten oder handelnde Politiker – die Ereignisse des nächsten Tages oder die Folgen einer Entscheidung schlechterdings nicht kennen können, weshalb die wissenden Nachlebenden in ihrem Urteil vorsichtig und bescheiden sein sollten. Und zum anderen lässt sich der Zeichnung direkt entnehmen, dass es immer wieder historische Warnungen, um nicht zu sagen: prophetisch anmutende Äußerungen gibt, mit denen sensible Beobachter auf geahnte unheilvolle Entwicklungen hinweisen. In diesem Fall ist es nicht ein Text oder Vortrag, auch kein im Schutz des Auslands verfasster Beitrag, sondern eine Zeichnung, die mitten im Ausnahmezustand vollendet wurde, aber verständlicherweise nicht hatte publiziert werden können. Das wertvolle Dokument soll also an den Anfang gesetzt und bewusst leitmotivisch verstanden werden.

Das illustrierende Leitmotiv

Die vom Künstler Matejko 1933 angefertigte Zeichnung lässt sich bislang zwar nicht auf den Tag genau datieren, doch findet sich die Jahreszahl deutlich erkennbar unter der Signatur des Pressezeichners. In der von Christian Ferber 1982 für den Ullstein Verlag zusammengestellten und herausgegebenen Dokumentation zur „Berliner Illustrirten Zeitung“ in den Jahrzehnten von 1892 bis 1945 heißt es in dem Abschnitt mit „Hinweisen“ (S. 398; das Dokument wird auf Seite 304 publiziert) lapidar: „Vision vom Untergang. Das zerschossene und geborstene Brandenburger Tor […]. Die Zeichnung blieb unveröffentlicht, das Original verschollen. Lediglich ein Foto hat die Nazizeit und Kriegswirren überstanden“. Ein Quellennachweis für diese Behauptungen fehlt. Er findet sich aber in dem reichlich bebilderten Ausstellungskatalog zum 100. Geburtstag, den Otto Weber im Auftrag des Vereins für Heimatgeschichte e.V. Ober-Ramstadt vorgelegt hat (S. 58, Wiedergabe ohne genaue Herkunftsangabe). Eine ergänzenden, aber wiederum beleglosen Hinweis zur Zeichnung bietet in dieser Broschüre ein ungenannter Beiträger – es dürfte der Herausgeber sein – mit der Erzählung: Als Kurt Wolff, der Chefredakteur der „Berliner Illustrirten Zeitung“, 1933 in die USA emigriert sei, habe er zwei Zeichnungen von Matejko im Gepäck gehabt. Die Vermutung, die Zeichnung von 1933 sei von „Life“ publiziert worden (S. 39), lässt sich jetzt bestätigten. Der Erstdruck findet sich im „Life Magazine“ vom 11. September 1939, S. 26f.: „A German Artist Draws the New War – Theo Matejko“ („bomb victims [Plural !?] in Berlin’s Pariser Plaza before the shattered Brandenburg Gate“).

Mein Dank

In den vergangenen Monaten habe ich eine vielfältige Unterstützung bei der Recherche in Archiven und Bibliotheken erfahren. In erster Linie von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz (inklusive der Zeitungssammlung), dem Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde (inklusive des Filmarchivs), der Bibliothek des Friedrich-Meinecke-Instituts für Geschichts- und Kulturwissenschaften (inklusive AKiP: Arbeitsstelle für Kommunikationsgeschichte und interkulturelle Publizistik), der Bibliothek des Fachbereichs Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (Otto-Suhr-Instituts, inklusive der Zeitungssammlung) und von der Bibliothek des Fachbereichs Rechtswissenschaften der Freien Universität Berlin.

Bei der Transkription und Korrektur wurde mir kenntnisreich geholfen von: Romina Becker, Alina Döring, Oliver Gaida, Ludwig Müller-Zetzsche, Katrin Riedel, Pia Sösemann und Holger Wettingfeld. Bei Ihnen allen möchte ich mich auch an dieser Stelle herzlich bedanken.

Für Missverständliches, Irrtümer und Fehler übernehme ich die Verantwortung.

Bernd Sösemann

Berlin, 28. Januar 2013