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PRESSECHRONIK  1933: „Journalismus in der Diktatur“

Der Anlass

Vor 80 Jahren, am 30. Januar 1933, erfolgte im Deutschen Reich die Regierungsübergabe an den Reichskanzler Adolf Hitler durch den Reichspräsidenten Paul v. Hindenburg. Im Rahmen des Senatsprojekts „Zerstörte Vielfalt“ erinnert das Deutsche Pressemuseum im Ullsteinhaus e.V. mit seinen Kooperationspartnern in einer bislang einzigartigen, kommentierten Dokumentation an das politisch bedeutsame und auch presse- und kommunikationsgeschichtlich ereignisreiche Jahr.

 

Der 30. Januar 1933

Der Führer der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei wurde am 30. Januar 1933 an die Spitze einer Regierungskoalition berufen. Zuvor hatte er die Minister in enger Absprache mit dem Abgeordneten des katholischen Zentrums und vormaligen Reichskanzler Franz v. Papen und mit Alfred Hugenberg bestimmt, dem Medienzar und Vorsitzenden der Deutschnationalen Volkspartei. Papen und Hugenberg wollten die Popularität des Führers der NSDAP zur Stärkung ihrer politischen Macht nutzen. Ihr öffentlich deklariertes Hauptziel bestand darin, die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik endgültig zu Gunsten eines autoritären Regierungssystems abzuschaffen. Bereits im Verlauf des Jahres 1933 erwies es sich, dass mit Papen und Hugenberg auch die meisten der damals verantwortlichen Politiker und Parlamentarier – dazu zählten selbst Demokraten wie Theodor Heuss – Hitlers diktatorialen Willen unterschätzt hatten. Hitler gelang es bis zum Sommer 1934, mit mehreren Notverordnungen, die den Schutz durch die Grundrechte beseitigten, und einem „Ermächtigungsgesetz“, d.h. mit pseudolegalen Maßnahmen, einem Parteienverbot und offenem Terror sämtliche Parteien zu beseitigen und eine Alleinherrschaft zu errichten.

 

Die Bedeutung des Jahres 1933

Selten markiert in der Geschichte ein einziger Tag einen „Wendepunkt“. Erfahrene zeitgenössische Beobachter in Deutschland und im Ausland ordneten das Kabinett Hitler-Papen-Hugenberg als eine Neuauflage der bereits bekannten Präsidialkabinette ein. Es amtierte, wie viele von ihnen annahmen, wieder einmal eine Regierung ohne parlamentarische Grundlage. Sie würde lediglich mit der Unterstützung des Reichspräsidenten die Geschäfte führen können. Wie ihre Vorgänger in den drei Jahren zuvor geschehe das auch dieses Mal wohl nur vorübergehend; auf Dauer könne sie sich ebenso wenig halten wie die verschlissenen Kanzler Brüning, Papen und Schleicher. Spannend bleibe also die Frage, ob das Deutsche Reich jemals wieder aus der verschleierten Diktatur der Präsidialkabinette herausfinden oder den Weg des faschistischen Italiens gehen würde. Keineswegs waren mit dem 30. Januar, der Reichstagswahl vom 5. März oder mit der moralischen Anerkennung des Willkürregimes durch den Papst am 20. Juli 1933 der Rechtsstaat vernichtet und bereits die Weiche zur Diktatur gestellt.

Die Nationalsozialisten bedurften neben dem Papen- und Hugenberg-Gefolge, den Vertretern der rheinischen Schwer- und Chemie-Industrie sowie neben den mit ihnen sympathisierenden Bankiers auch der wachsenden Zahl „unpolitischer“ Mitläufer und gutgläubiger Helfer, der Opportunisten und Ignoranten sowie der seit Jahren in ihrer Existenz sich bedroht fühlenden Angestellten und Beamten. Sie strömten nach der Reichstagswahl in so großer Zahl in die NSDAP, dass Hitler noch im März einen für mehrere Jahre gültigen Aufnahmestopp verhängte.  Nur allzu bereitwillig verdrängten unzählige Deutsche die vom Regime gesteuerten Ausbrüche von Antisemitismus und Kommunistenhass, die Verfolgung der Sozialdemokraten, Liberalen und Bürgerlichen, die Existenz von SA-Schlägertrupps, die Konzentrationslager oder wilden Gefängnisse. In einigen Zeitungen konnte man jedoch mehr oder weniger deutlich darüber lesen, solange die publizistische Vielfalt noch bestand und Verlagsunternehmen noch nicht zerschlagen oder enteignet worden waren. Journalisten kommentierten die Worte des Hasses und deckten die Taten des Diktators auf, solange ihr Blätter noch nicht verboten oder durch Zensur und Presseanweisungen ausgerichtet bzw. „gleichgeschaltet“ waren oder sie sich wie ihre Verbände in voraus eilendem Gehorsam selbst gleichschaltet hatten.

 

Die nationalsozialistische Propaganda feierte den 30. Januar als „Tag der Machtergreifung“ und die folgenden Ereignisse als „nationale Revolution“. Zusammen mit der Parteiführung sahen die NSDAP-Mitglieder die „Geburtsstunde des Dritten Reiches“ glücklich erreicht und damit eine „tausendjährige“, also nie endende Herrschaft vor sich. Bis zu diesem Tag hatten selbst überzeugte NSDAP-Wähler die Hoffnung auf eine unmittelbar bevorstehende Kanzlerschaft Hitlers verloren: nach dem erheblichen Stimmenverlust in der Wahl vom November 1932, der Abspaltung eines „linken“ Flügels der Partei, den internen finanziellen Nöten und mit den sich seit dem Herbst 1932 offensichtlich bessernden Konjunkturdaten. Nun war aber all dies vergessen: Mit dem 30. Januar sei nicht nur die „Schmach von Versailles“ getilgt, die Folgen des Friedensvertrags von 1919, sondern mit der Kanzlerschaft Hitlers sei die Zerstörung des „Weimarer Systems“ gelungen, habe sich der „Sinn der deutschen Geschichte“ erfüllt.

 

Diese propagandistischen Konstruktionen haben mit den historischen Realitäten wenig zu tun. Die Online-Präsentation des DPMU bietet deshalb im Verlauf des Jahres 2013 eine differenzierte und kritische Gesamtsicht der historischen Ereignisse und Verhältnisse von 1933 im Alltag der Menschen in der NS-Diktatur. Das geschieht unter den Leitfragen „Wie wurde der Leser nach dem 30. Januar 1933 informiert?“ und „Wie gestaltete sich der Übergang aus der verschleierten Diktatur der Präsidialkabinette in die offensichtliche Diktatur Hitlers?“.  Eine kontinuierliche Lektüre lässt beim Nutzer des Online-Angebots eine differenzierte Vorstellung von den Formen und Inhalten des Terrors gegenüber großen Gruppen der deutschen Gesellschaft entstehen sowie von den tief reichenden Veränderungen im Politik- und Moral-Verständnis. Erfolgreich verliefen die vielfältigen Ausgrenzungen. Die Verhaftungen und Zwangsemigrationen führten nicht zu wirkungsvollen Widerstandshandlungen. Die offiziellen Begründungen für Vertreibungen und Bücherverbrennungen oder für eine „völkisches Rechtsprechung“ blieben weitgehend unwidersprochen. Das Regime war „totalitär“, herrschte jedoch nie „total“, wie es selbst behauptete und seine Funktionäre es anstrebten. Neben den wenigen, vom Regime allen „Volksgenossen“ als „Ventil“ bewusst zugestandenen Freiräumen konnten unauffällig erhaltene oder selbst geschaffene existieren – wenn auch nur unter großen Vorsichtmaßnahmen. Denn bereits eine nur verhalten bekundete Begeisterung konnte Anlass für verhängnisvolle Verdächtigungen und Denunziationen sein.

 

Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, wie im Deutschen Reich noch im zweiten Halbjahr 1933 z.B. von der neu gegründeten Nachrichtenagentur „Blick in die Zeit“ und ihrem sozialdemokratisch orientierten Redakteur – mit scheinbarer Distanzierung –   regimekritische Kommentare ausländischer Zeitungen verbreitet werden konnten oder dass von der Gestapo verfolgte Publizisten wie Fritz Eberhard unter einem Pseudonym Leitartikel verfassten. Auch diese Aktivitäten sollen im Laufe des Jahres in Erinnerung gerufen werden.

 

Bernd Sösemann, 28. Februar 2013