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Zur historischen Orientierung

Reichsverband der Deutschen Presse auf NS-Kurs

Bereits vor dem „Ermächtigungsgesetz“ konnten die Nationalsozialisten in der deutschen Zeitungswissenschaft, in den universitären Instituten und in den Fachverbänden tiefgreifende Umgestaltungen erreichen. Dabei mussten die Pressionen nicht einmal in allen Fällen von der Hitler-Papen-Hugenberg-Koalition oder von der NSDAP ausgehen. Die von den neuen Machthabern gewünschten Organisationsstrukturen und Inhalte haben die verantwortlichen Personen auf Grund des verbreiteten Opportunismus, eines politischen Idealismus oder einer falsch verstandenen Verantwortung für das Gemeinwesen selbst geschaffen. Sie wollten am „revolutionären“ Umbau von Staat und Gesellschaft mitwirken. Die meisten von ihnen traten umgehend in die NSDAP ein.

Emil Dovifat, Professor an der Berliner Universität und Direktor des renommierten Instituts für Zeitungswissenschaft, zeigte gegenüber den in der Öffentlichkeit spöttisch als „Märzhasen“ titulierten Parteigenossen unter seinen Universitätskollegen kein Verständnis. Er gehörte zu den wenigen Mitglieder des „Reichsverbands der Deutschen Presse“, die der Werbung der NSDAP und der ihr angeschlossenen Verbände nicht folgten. Dovifats Kollege Karl d´Ester, Direktor des angesehenen Münchner Instituts für Zeitungskunde, stellte deshalb keineswegs eine Ausnahmeerscheinung dar, als er in kämpferischer Rhetorik einen „geistigen freiwilligen Arbeitsdienst“ in der Erziehung zum politischen Menschen forderte. In der Jubiläums-Broschüre „Weg und Ziel einer neuen Wissenschaft“ zum zehnjährigen Bestehen des „Instituts für Zeitungskunde an der Universität München 1924-1934“ kennzeichnete er die „Zeit, da Deutschland wieder um seine Ehre in der Welt ringen muß“, als eine Epoche, in der auch die akademische Jugend in der „vordersten Front eines geistigen Abwehrkampfes“ stehen sollte:

„Unter den Fächern aber, die es dem Studierenden ermöglichen, sich die notwendigen geistigen Waffen zu schmieden, steht die Zeitungswissenschaft nicht an letzter Stelle. […] Die nationale Erhebung hat auch der Disziplin der Zeitungswissenschaft einen neuen Auftrieb gebracht. Endlich hat man auch in Deutschland den Wert der Propaganda erkannt und ein eigenes Ministerium für dieses wichtige Gebiet geschaffen. Die Zeitungswissenschaft ist diesem Ministerium zu großem Dank verpflichtet für die reiche Förderung, die sie von ihm erfahren durfte. […] Hoffnungsfreudig, aber auch mit dem Gefühl einer ungeheuren Verantwortung reiht sich die Zeitungswissenschaft ein in die breite Front aller der Kräfte, die wach geworden sind, um das deutsche Volk in allen seinen Schichten zu einen und aus Elend und Verzweiflung glücklicheren Zeiten entgegen zu führen“ (München 1934, S. 8).

Am 30. April 1933 steuerte Dovifat in der Jahreshauptversammlung des „Reichsverbands der Deutschen Presse“ als einer von acht Delegierten des Berliner Landesverbands einen klaren Gegenkurs zu der Anpassungs-Offensive des Vorstands an die NSDAP. In seinem Vortrag über die aktuelle Lage der Versorgungsanstalt des Verbands wies er unverhohlen auf die staatlichen Pressionen und Verfolgungen hin. Er sagte, dass eine wirtschaftliche Absicherung die unabdingbare, also jetzt mehr denn je selbstverständliche Voraussetzung für eine verantwortungsvolle Ausübung des Berufes darstelle. Er erwähnte an zweiter Stelle seiner Zusammenstellung von Besorgnissen, dass in den vorausgegangenen Wochen „ganze Gruppen“ den Landesverbänden und auch dem Reichsverband der Deutschen Presse „geschlossen“ beigetreten seien. Die Vorstände hätten einigen dieser Neulinge sogar umgehend führende Positionen eingeräumt. Eine erste negative Folge dieser parteipolitisch motivierten Unterwanderung der Verbände zeige sich bereits jetzt darin, dass etliche Kollegen den Verband bereits verlassen hätten oder jetzt „auszuscheiden gezwungen“ seien. Dovifat schloss provozierend-erwartungsvoll mit zwei Sätzen, die eine wichtige Grundlage des Journalismus in einer freien und rechtsstaatlichen Gesellschaft darstellen:

„Möchten die nunmehr verkündeten neuen Ziele einer neu gestalteten Presse Sinn, Raum und Kräfte freimachen für entsagungs- und mühevolle Arbeit der Art, wie sie bisher geübt wurde. Nur so wird sie, nüchtern und auf lange Sicht gesehen, bleiben, was sie ist: die wirtschaftliche Untermauerung eines freien Berufes.“

Das später in der Verbandszeitschrift veröffentlichte offizielle Protokoll unterschlug übrigens die Hinweise auf diese Tradition und die Motive der ausgetretenen Mitglieder.

In der sich an Dovifats Rede anschließenden Diskussion wurde u.a. auch über die Satzungsänderungen gesprochen, die der Berliner Bezirksverband vorgeschlagen hatte: Aufnahme des Führerprinzips, Ausschluss von Juden und Marxisten. Auch hierzu äußerte sich Dovifat entschieden, scharf und ablehnend. Zusammen mit zwei weiteren Delegierten wies er auf die sich überall zeigende parteipolitische Einflussnahme des Staates hin, die der Reichsverband nicht verstärken dürfe. Doch die überwältigende Mehrheit der Delegierten teilte diese Bedenken nicht. Insgesamt protestierten lediglich drei Mitglieder des Reichsverbands gegen die Aufnahme des „Arierparagraphen“ in die Satzung. Die schriftlich abgegebene Erklärung der Drei soll hier im Wortlaut zitiert werden, weil sie in jenen Tagen zu den eher seltenen Zeugnissen eines charaktervollen Widerstehens und des Eintretens für zu Unrecht Verfolgte zählen:

„Angesichts der gegebenen Mehrheitsverhältnisse verzichten wir darauf, unsere grundsätzlichen sachlichen und formellen Bedenken gegen den Arierantrag geltendzumachen, zumal Einigkeit darüber besteht, daß die endgültige Entscheidung über das Schicksal der vom Ausschluß bedrohten Kollegen erst durch das angekündigte Pressegesetz fallen soll. Wir vergessen aber nicht, daß wir mit vielen dieser Kollegen in der Berufsorganisation jahrelang zusammengearbeitet und manchen wertvollen Menschen unter ihnen kennengelernt haben. Wir vergessen vor allem nicht, daß gerade der Reichsverband der deutschen Presse ihrer Tätigkeit viel zu danken hat. Deshalb sind wir nicht in der Lage, dem Antrage zuzustimmen.“

Im darauffolgenden Jahr erstattete Dovifat seinen Bericht für die Versammlung des „Reichsverbands der Deutschen Presse“ lediglich in schriftlicher Form. Aus dem Obersten Ehren- und Schiedsgericht trat er noch im selben Jahr aus. Den späteren Tagungen blieb er fern oder beteiligte sich nicht am Verbandsleben. In der Gremienarbeit des Reichs- und Landesverbands resignierte er. In der Universität gab er jedoch als gläubiger Katholik und sich seiner Berufsehre verpflichtet fühlender akademischer Lehrer nicht auf. Er setzte vielmehr seine Bemühungen fort, Recht und Anständigkeit im Alltag der Universität zu wahren. Es gelang ihm dabei sogar, in der Philosophischen Fakultät die Promotion einer deutschen Doktorandin jüdischen Glaubens durchzusetzen. Sie musste anschließend nach Palästina auswandern. Sie lebte dort in einem Kibbuz, so dass ich mit ihr vor gut zwei Jahrzehnten noch habe korrespondieren können.

Bernd Sösemann

Vgl. zum Gesamtthema: Bernd Sösemann / Gunda Stöber (Hg.), Emil Dovifat. Studien und Dokumente zu Leben und Werk (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 8). X+694 S. Berlin 1998.