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Das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda

Im Frühjahr 1933erreichte die staatliche Propaganda ihre höchste öffentliche Anerkennung mit dem ihr von der Hitler-Papen-Hugenberg-Koalition am 13. März zubilligten Kabinettsrang. Erstmals existierte in Deutschland mit dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RVMP) für zwölf Jahre ein „Generalstab der Volksaufklärung“. Den Aufgabenbereich des RMVP legte eine Verordnung fest. Sie sprach von „der geistigen Einwirkung auf die Nation, die Werbung für den Staat, Kultur und Wirtschaft, der Unterrichtung der in- und ausländischen Öffentlichkeit über sie und der Verwaltung aller diesen Zwecken dienenden Einrichtungen“. Doch bereits das Gründungsverfahren, die Bezeichnung und Kompetenzen waren unter den Beteiligten heftig umstritten, weil der größte Teil der Aufgabenfelder aus Ressortabtretungen der Ministerkollegen bestand. Hitler musste schließlich das kollektive Bekenntnis der Führung zu einer ministeriellen Propagandatätigkeit erzwingen.

Goebbels bemühte er sich ein Jahr lang, seinem Kabinettskollegen Bernhard Rust (1883-1945) Teile des Wissenschafts- und Kulturressorts abzunehmen. Er wollte sich damit die Legitimation verschaffen, „Propaganda“ durch „Kunst“, „Künste“ oder „Kultur“ ersetzen und die biedere „Volksaufklärung“ streichen zu können. Nachdem alle Versuche erfolglos geblieben waren, suchte Goebbels, wenigstens den Klang des Propaganda-Begriffs in der Öffentlichkeit aufzubessern. Er wies die Wirtschaft an, zukünftig ausschließlich das Wort „Werbung“ zu benutzen. Die deutsche Presse und der Hörfunk durften die meinungslenkenden Aktivitäten des Auslands nie „Propaganda“ nennen, sondern immer „Agitation“, „Hetze“ oder höchstens „Greuelpropaganda“.

Mit 35 Jahren stand Goebbels nicht nur an der Spitze eines Ministeriums, sondern führte in Personalunion die „Reichspropagandaleitung der NSDAP“ weiter, die ihm Hitler am 27. April 1930 für den Bereich der Kampf- und Wahlpropaganda übertragen hatte. Außerdem stärkte Goebbels seine Position noch mit dem Präsidentenamt der „Reichskulturkammer“ und der Leitung des „Reichsrings für Volksaufklärung und Propaganda“ Die Doppelfunktion in Kabinett und Partei gab ihm die Macht, seine Vorstellungen über die Gaupropagandaebene hinaus bis zur Blockebene hinab durchzusetzen und dafür die jeweils günstigste verwaltungsorganisatorische Umsetzung und politische Gestaltungsmöglichkeit zu wählen.

Das RMVP wuchs bis 1943 zu einer Mammutbehörde in 54 Gebäuden mit gut eintausend Beschäftigten heran. Die 18 Reichspropagandastellen baute die „Reichspropagandaleitung der NSDAP“ auf 41 aus. In konsequenter Fortführung der von Papen initiierten Reformen im Hörfunkbereich lösten die Nationalsozialisten die elf regionalen Rundfunkgesellschaften auf. Das Ministerium finanzierte in den folgenden Jahren seinen rasch steigenden Etat aus den rapide anwachsenden Hörerzahlen.

In der praktischen Arbeit berief sich Goebbels zwar durchgehend auf Hitlers Feststellungen zur Propaganda und dessen Gespür für die „Seele des Volkes“, entwickelte jedoch seine eigenen Vorstellungen. Hitler orientierte sich an einfachen massen- und wirkungspsychologischen Vorstellungen über das „Weibische“ der „Masse“ und an populären Ansichten über Reklame. Propaganda sei das wichtigste Mittel, schrieb er in „Mein Kampf“ die bedeutendste Organisation und die wirksamste Methode im Ringen um die Macht und führe zu ungeheuren Ergebnissen. Der Propagandist habe leidenschaftlich gegen den „Objektivitätsfimmel“ aufzutreten, sich auf Weniges zu konzentrieren und dieses „ewig zu wiederholen“.

Für Goebbels war jegliche Politik Propaganda und alle Propaganda ein Teil der Staatsführung. Er dachte aktionistischer, betonte stärker disziplinierende Funktionen und den damit verbundenen antisozialrevolutionären Effekt. Er verfasste kein theoretisches Werk, um seinen Gedanken, Aktivitäten und Anregungen eine systematische und programmatische Grundlage zu geben. Er war davon überzeugt, es habe wenig Zweck, „über Propaganda zu diskutieren“ oder ein „ABC der Propaganda lehren oder schreiben“ zu wollen:

„Der Propagandist der Theorie ist vollkommen untauglich, der sich eine geistreiche Methode am Schreibtisch erdenkt und dann am Ende aufs höchste verwundert und betroffen ist, wenn diese Methode vom Propagandisten der Tat nicht angewandt wird oder – von ihm in Anspruch genommen – nicht zum Ziele führt. Die Methoden der Propaganda entwickeln sich ursächlich aus dem Tageskampf selbst heraus”.

Goebbels variierte seinen endlosen, siegessicher vorgetragenen Monolog in zahllosen Hörfunk-, Zeitungs-, Zeitschriften- und Redebeiträgen über die Massenbeeinflussungsmittel – die modernsten seien die attraktivsten. Er tat es gelegentlich sogar zynisch oder verachtend, doch nie ohne Ernsthaftigkeit, Detailbesessenheit und Nachdruck. Er zeigte sich in seinen Mitteln und Formen skrupellos. Er diffamierte und attackierte auf niedrigster Ebene, wie es seine Hasstiraden auf den Berliner Polizeipräsidenten Bernhard Weiß (1880-1951) zeigten.

Goebbels orientierte sich bei der propagandistischen Choreographie intensiv an traditionellen Formen, insbesondere an der katholischen Liturgie. Ihn faszinierten die Macht- und Einflussmöglichkeiten des Papstes, die weltweiten Organisations- und Wirkungsmöglichkeiten des Vatikans. Mit den „Wochensprüchen der NSDAP“ schuf er Ende der dreißiger Jahre ein Bild-Text-Plakat, das in Form und Gestaltung den Sprüchen und Losungen der katholischen Kirche nachempfunden war.

 

Bernd Sösemann