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Zur historischen Orientierung

Victor Klemperers Tagebuchaufzeichnungen

Der Hochschullehrer Victor Klemperer (1881-1960), ein Vetter des Dirigenten Otto Klemperer (1885-1973); musste 1933 emigrieren), war Romanist an der Universität Technischen Universität Dresden. Sein Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen (Lingua Tertii Imperii: Sprache des Dritten Reiches)“ und seine „Tagebücher“ (Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, 1933–1945, 8 in 2 Bänden) sind bedeutende Aufzeichnungen eines konvertierten jüdischen Gelehrten über den Alltag unter der Hitler-Papen-Hugenberg-Koalitionsregierung und der elfjährigen NS-Diktatur. 1935 wurde er entlassen.

Seine umfangreichen fast täglich niedergeschriebenen Beobachtungen erfassen die Veränderungen in der deutschen Gesellschaft unter den diktatorialen Bedingungen mit großer Genauigkeit, Differenziertheit und auch mit Selbstkritik. Klemperer interessierten besonders die fortschreitenden Veränderungen in der Alltagssprache und den Tageszeitungen. Seine detaillierten Aufzeichnungen sollten die Materialgrundlage für eine spätere Buchveröffentlichung bilden. Sorgfälltig versteckte er den immer stärker anschwellenden Stapel einzelner Notizzettel außerhalb seines Hauses – 1940 wurde er aus seinem Eigentum vertrieben und musste in eines der sog. Judenhäuser Dresdens einzuziehen –, weil er zu Recht mit Durchsuchungen rechnet. Bedrückend sind auch seine Schilderungen vom Universitätsleben nach dem 30. Januar 1933, von den erniedrigenden Arbeiten, zu denen Intellektuelle bewusst gezwungen wurden, von Hungersnot und Selbstmorden und von den Schikanen der meisten Funktionäre. Eindrucksvoll schildert er aber auch die Erfahrung von versteckten Freundlichkeiten mitleidiger Passanten; berichtet über seine Selbstzweifeln, die Spannungen in der Ehe mit seiner – im Sinn der NS-Begrifflichkeit – „arischen“ Frau Eva und die steigenden Furcht vor dem Terror der Gestapo.

Das Volkshochschulkolleg in Berlin-Marzahn trägt Klemperers Namen.

Bernd Sösemann