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Das Hitler-Porträt von Emil Stumpp

Anlässlich Hitlers Geburtstags erschien auf der Titelseite des „General-Anzeigers für Dortmund und das gesamte rheinisch-westfälische Industriegebiet“ unter der Gesamtüberschrift „Dem Kanzler zum Gruß!“ neben einem Leitartikel und zwei Beiträgen zu „Hitlers Mutter“ und Hitlers Ahnentafel ein Porträt des Gefeierten. Direkt unter der Zeichnung von Emil Strumpp (1886-1941), ein Kopfstück im Profil, rückte der zuständige Redakteur einen erläuternden Text ein. Ihm war zu entnehmen, dass man offensichtlich Schwierigkeiten befürchtete und sich rechtzeitig abzusichern bemüht war. Fraglos geht von dem Bild selbst heute noch eine frappierende Wirkung aus. Hitler erscheint hier als gewaltbereiter, brutaler, stumpf blickender Mensch, um nicht zu sagen: als Ganove.

In dem Text wurde auf die Kunstfertigkeit und die lange Reihe der zufriedenen Porträtierten verwiesen, auf die Freiheit des Zeichners und sein hohes Ansehen in der Gesellschaft:

 

Brennecke, Stumpp, 231_a

 

Doch die Provokation im Bild ließ sich durch Worte offensichtlich nicht abschwächen. Ein Entrüstungssturm brach sogleich vor Ort und am nächsten Tag auch im Reich los. Denn der General-Anzeiger war kein kleineres Regionalblatt, sondern eine Zeitung, die täglich direkt unter ihrem Titel stolz verkündete, sie habe „Deutschlands größte Auflage außerhalb Berlins“. Die Kenntnis von dem reichlich ungewöhnlichen Porträt musste sich blitzschnell verbreitet haben, denn am selben Tag wurde das Gebäude von der Dortmunder SA besetzt, die Ausgabe offiziell beschlagnahmt und der verantwortliche Redakteur verhaftet. Nur vier Tage später war die Zeitung im Besitz der NSDAP-Gauleitung Westfalen-Süd. Die Polizei teilte mit, der Gesichtsausdruck Adolf Hitlers sei „in böswilliger Absicht“ entstellt worden und es sei ihm ein „ins Gemeine ziehender Ausdruck“ verliehen worden.

Der Zeichner, Emil Stumpp, erhielt sogleich Berufsverbot. Der Reichsausschuss der Pressezeichner teilte ihm später, nach dem Erlass des Schriftleitergesetzes, offiziell mit, dass er nicht mehr arbeitsberechtigt sei und bei einem Verstoß gegen diese Anordnung sich strafbar mache. Detlef Brennecke hat in seinem Buch „Emil Stumpp. Ein Zeichner seiner Zeit“ (Bonn 1988) nicht nur ein Porträt des Künstlers mit einer eindrucksvollen Auswahl seiner Zeichnungen veröffentlicht, sondern auch eine knappe Lebensbeschreibung verfasst. Die weitere Verfolgung Stumpps durch das Regime ist bis zu seinem Tod im Gefängnis ebenfalls in dem Buch dokumentiert. Demnach scheint die gesamte Aktion – das Zeitungsverbot und die Enteignung des Verlegers – auch durch einen Rachefeldzug der örtlichen SA eskaliert zu sein. Die Partei hatte sich schon vor 1933 durch Kritik und Spott der Redakteure und Zeichnungen des Sozialdemokraten Stumpp wiederholt angegriffen gefühlt. Nun sah sie eine willkommene Gelegenheit, die lokale Kritik auszuschalten. Stumpp litt unter dem Berufsverbot und hatte fortan große Mühe, seinen Lebensunterhalt zu sichern. Wiederholt eckte der aufrechte „reine Tor“ politisch an – so Brennecke (S. 232). Im August 1940 soll er einen Leserbrief an die „Königsberger Allgemeine Zeitung“ geschrieben haben:

 

Brennecke, Stumpp, 232

 

Als er sich einen Monat später in einem ähnlichen Sinn öffentlich unvorsichtig über die deutsche Propaganda äußerte, die Deutschlands Feinde durchweg als „Verbrecher“ ansah, wurde er wegen seiner Bemerkungen und eines Gesprächs mit französischen Kriegsgefangenen von mehreren Personen denunziert. Das Sondergericht in Königsberg verurteilte ihn am 14. Januar 1941 zu einem Jahr Gefängnis. In seinem Tagebuch notierte Stumpp einen Tag später:

 

Bitte einfügen: Brennecke, Stumpp, 233

 

Im Gerichtsgefängnis von Königsberg hatte er am 5. November 1940 das Stillleben „mit Brotkruste, Glas Wasser, Buch und Zeitung“ gezeichnet. Durch das ihm aufgezwungene Hungern und die zu große Kälte in seiner Zelle verstarb der stark geschwächte Kranke am 5. April 1941.

Brennecke, Stumpp, 207

 

Bernd Sösemann