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Die nationalsozialistischen Olympischen Spiele

Alle neuzeitlichen Olympischen Spiele liefen in einem nationalistisch konnotierten Umfeld ab. In der deutschen Bevölkerung war diese politische Dimension durch das Erlebnis des Ersten Weltkriegs und die traumatischen Nachwirkungen in den zwei Nachkriegsjahrzehnten um ein Mehrfaches bekräftigt worden. Diese Tendenz wurde bereits im Frühjahr und Sommer 1933 durch die starke parteipolitische und weltanschauliche Einflussnahme der Regierung Hitler-Papen-Hugenberg verstärkt. Die nationalsozialistische Presse verlangte in einer gezielten Aktion die Auswechslung der gesamten Sportführung. Dem Präsidium des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen warf man seit Anfang Februar eine einseitige Förderung in der Zeit der Weimarer Republik vor: Unterdrückung aller „nationalen und völkischen Regungen“ (Völkischer Beobachter, 1. April). „Der Angriff“ (3. April) behauptete, Präsident Lewald vertrete überholte Vorstellungen und stehe nicht entschieden genug hinter der „nationalen Erneuerung“. Lewald passe sich lediglich mit Phrasen opportunistisch an.

Der Deutsche Reichsausschuss für Leibesübungen hatte seine schnelle und entschiedene Kehrtwende jedoch schon längst vollzogen. Am 4. Februar 1933 hatte Lewald, nach seinen eigenen Worten, in einem Brief an das Reichswehrministerium „in schärfster Weise die Erziehung zur Wehrhaftigkeit“ gefordert. Zusammen mit Carl Diem hatte er einige Jahre zuvor  gegen starke Widerstände in den Reihen der Sportler den Vorstandsbeschluss durchgesetzt, dass die Bedingungen für die Vergabe des Turn- und Sportabzeichens in militaristischer Weise abgeändert wurden. Die Sportler mussten seitdem ihre Leistungsfähigkeit auch in den Disziplinen Kleinkaliberschießen und Gepäckmarsch nachweisen und der Devise folgen: „stark und treu, wehrhaft und ehrhaft, deutsch bis auf die Knochen“ (Deutsches Sportforum, 18. Oktober 1925).

Am 28. März 1933 sprach Lewald wegen der fortgesetzten Angriffe persönlich bei Goebbels vor, am 30. März beim Innenminister Wilhelm Frick, und am 3. April verteidigte er sich in einem Brief an den Staatssekretär Heinrich Lammers (Reichskanzlei) gegen den ebenfalls im „Angriff“ erhobenen „Vorwurf semitischer Abstammung“. Lewald zeigte sich Lammers gegenüber sehr selbstbewusst. Er war davon überzeugt, dass „wenn ich von meinem Amt zurücktrete, die Abhaltung der Olympischen Spiele in Deutschland aufs schwerste gefährdet“ sein würde. Als handschriftliches Postskriptum fügte er hinzu: „Mein Vater ist als Knabe getauft worden“ (Akten der Reichskanzlei 1933, Nr. 84). Hitler verbot weitere Presseangriffe. Lammers trat dennoch am 12. April von seinem Amt zurück.

Die Koalition ließ sich dadurch in ihren Vorbereitungen nicht aufhalten. Sie wollte zum Ruhm von Staatsführung und Vaterland die Spiele 1936 unbedingt im Deutschen Reich durchführen und richtete im Propagandaministerium ein „Amt für Sportwerbung“ ein. Der Regierung ging es vorwiegend darum, nationale Ehrungen zu erringen und das internationale Prestige zu steigern. Sie erreichte es beim Internationalen Olympischen Komitee, dass bei den zentralen Siegerehrungen während der Olympischen Sommerspiele in Berlin erstmals Nationalhymnen erklingen konnten – die Winterspiele hatten kurz zuvor in Garmisch-Partenkirchen stattgefunden. Ein scharf ablehnender Appell von Heinrich Mann war folgenlos verhallt. In ihm hatte es u.a. geheißen:

„Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitliche Sportler respektieren? Glauben Sie mir, diejenigen der internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt“.

Hitler verwies in seinen Reden auf den engen Zusammenhang zwischen den deutschen archäologischen Erkundungen Olympias, den neuzeitlichen Spielen und seinen geschichtspolitischen bzw. propagandistischen Absichten:

„Ich habe mich nun entschlossen, zur bleibenden Erinnerung an die Feier der XI. Olympiade 1936 zu Berlin, die im Jahre 1875 begonnenen Ausgrabungen der Olympischen Fest- und Sportstätten wieder aufzunehmen und zu Ende zu führen“ (zit. nach: Phädra Koutsoukou, Die NS-Kulturpolitik gegenüber Griechenland in der Vorkriegszeit, in: Chryssoula Kambas / Marilisa Mitsou [Hg.], Hellas verstehen, Köln 2010, 139-155; hier: 141).

Goebbels und Frick gaben die Losung aus: „Olympia – eine nationale Aufgabe“. Mit diesen Worten und in ihrem Geist bereitete das Regime die eigene Bevölkerung und das Ausland auf die Olympischen Spiele vor. Ein Olympia-Propaganda-Ausschuss arbeitete im Propagandaministerium. Das dort ressortierte Amt für Sportwerbung verantwortete alle propagandistischen Aktionen: die Plakatierung, die Flugpublizistik und Zeitschriften, Sonderhefte und Fotokampagnen – die Olympischen Spiele sollten Stolz und Begeisterung in der Bevölkerung wecken. Antisemitische und rassistische Spuren tilgte man in der Öffentlichkeit, verbannte störende „Zigeuner“ an den Stadtrand Berlins und feierte in der Wochenschau und im „Illustrierten Beobachter“ die NS-Volksgemeinschaft und den „Führer“, unter dessen Schutzherrschaft das Fest der Völker zweifellos ein großer Erfolg werden würde. Mit der Betonung des Kämpferischen und des Wett-„Streites“ verherrlichte  die Presse bereits in der Vorberichterstattung nur den Sieg des Einzelnen, nicht aber die Teilnahme Vieler. Dabei musste folgerichtig das Bild des Manövers, wenn nicht das eines Krieges entstehen.

Später setzten die politischen und Sportfunktionäre diese Ideen um. „Der militärische Sinn der Olympischen Spiele des Altertums wiederholt sich in der Neuzeit“, erläuterte dementsprechend Hitlers höchster Sport- und Olympia-Funktionär, Carl Diem (1882-1962), in seiner Schrift „Der olympische Gedanke im neuen Europa“ (Terramare Schriften, Berlin 1942, S. 14). Lapidar heißt es dort, die Spiele seien „dem erwachsenen männlichen Einzelkämpfer zugedacht“, Frauen „sollen Sport treiben“ (ebd., S. 54). Zuvor hatte Diem, beeindruckt von Hitlers sog. Blitzkriegen, im „Reichssportblatt“ geschrieben (25.6.1940), er sehe „mit atemloser Spannung und steigender Bewunderung diesen Sturmlauf, diesen Siegeslauf; (…) staunend vor den Taten des Heeres“ und dem „sportliche[n] Geist, in dem Deutschlands Jungmannschaft aufgewachsen ist“.

In den letzten Wochen vor der Kapitulation soll Diem Mitglieder der HJ aufgerufen haben (18.3.1945), den Sport nicht nur als „freiwilliges Soldatentum“ zu verstehen, sondern sich auch zum „finalen Opfergang für den Führer“ zu erheben.

Bernd Sösemann