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Die NS-Lyrik von Luise Rinser

Nicht nur in der Euphorie der ersten Wochen, sondern auch noch lange Zeit nach den spektakulären Aktionen des 10. Mai, als kulturelle Güter auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden waren, feierten neben den NS-Barden auch nicht-völkische Schriftsteller in Büchern, Zeitschriftenbeiträgen und Gedichten den Nationalsozialismus und den „Führer“. Im Kreis der glühenden Verehrer befand sich mehrere Jahre auch Luise Rinser. In ihren Lebenserinnerungen überdeckte sie die kräftigen „braunen Flecke“ ihrer Biographie mit ausführlichen Berichten über ihre spätere opponierende Einstellung. Aus den zahlreichen Lyrik- oder Prosa-Beispielen sei hier nur das Gedicht „Junge Generation“ zitiert, das Anfang 1935 in der Zeitschrift „Herdfeuer“ (S. 436) erschienen ist (Sösemann / Lange, Propaganda, Nr. 1175):

 

„Von den Grenzen des Lands hören wir nächtens
Fieberndes Wühlen dumpf und böse in der Erde.
In den Fabriken schlagen die Hämmer, schmieden
Eisen hart und kalt zu nackter Todeswaffe.

Gefährlich riecht es um Mitternacht aus Feindland,
Geheim brauen giftig schwelende gelbe Mordgase.
Um die Ecken der Städte schleicht grinsend der Tod.
Unter uns schüttert der Boden vom Bohren schlafloser Wühler.

In den weichen Dunstnestern des Tales aber liegen,
Eng sich wärmend und satt, die guten Bürger,
Und träumen schnarchend vom ewigen Frieden,
den ihnen ein sanfter verbindlicher Bürgergott schenkt.

Wir aber, angerufen von ewig eisernem Wort,
Wir, des großen Führers gezeichnet Verschworene,
Ungeborgen in scharfen Morgenstürmen,
Halten auf Türmen und Gipfeln klirrende Wacht.

Kühl, klar und willend ist dies wache Geschlecht,
Nüchtern, und heiliger Trunkenheit voll,
Tod oder Leben, ein Rausch, gilt uns gleich –
Wir sind Deutschlands brennendes Blut!

Todtreu verschworene Wächter heiliger Erde,
des großen Führers verschwiegene Gesandte,
Mit seinem flammenden Zeichen auf unserer Stirn,
Wir jungen Deutschen, wir wachen, siegen oder sterben,
denn wir sind treu!“

Luise Rinser stritt nach 1945 die Autorenschaft und das ihr nachgewiesene Verhalten heftig ab. Sie unterließ es, den Nachlebenden die Wandlung einer tiefen Verehrung in kritische Nachdenklichkeit und Ablehnung zu erklären.

Bernd Sösemann