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Bezieht sich auf die folgenden Artikel:

Lanzelot [d. i. Carl Martin Köhn]: Schluß, Otto! In: Die Brennessel 3,12 (1933), S. 135-136.

Lanzelot, d. i. Carl Martin Köhn: An „Porzia“! In: Die Brennessel 3,16 (1933), S. 182 [16. Kalenderwoche 17.-23. April 1933].

Die „Brennessel“ erschien erstmals am 1. Januar 1931 im Verlag Franz Eher Nachfolger. Der Eher Verlag war der Parteiverlag der NSDAP und als solcher verlegte er vor 1933 vor allem Propagandabroschüren und -bücher, darunter erfolgreich Hitlers „Mein Kampf“, und propagandistische Tages- und Wochenzeitungen. Die Brennessel war neben dem Illustrierten Beobachter (gegründet 1926) Teil der Strategie, in den Markt unterhaltender Massenmedien der Weimarer Republik einzudringen und den üblichen Leserkreis der Parteiblätter zu erweitern.

Die Aufmachung der Brennessel orientiere sich am bürgerlichen „Simplicissimus“, der immer noch als stilbildend für eine qualitativ erstrangige Satirezeitschrift galt. Der extreme, teilweise obszöne Antisemitismus der Brennessel unterschied sie allerdings deutlich von anderen satirischen Organen. Die neue satirische Zeitschrift sollte mit ihrem hochwertigen Layout nicht nur den „einfachen SA-Mann“, sondern auch Angestellte und Bürgerliche ansprechen, die auf der Suche nach unkonventioneller und scharfer Auseinandersetzung mit der Weimarer Republik waren. Die Verbreitung der Brennessel über die Grenzen der Kernanhängerschaft der NSDAP hinaus gelang offensichtlich, immerhin verkaufte man 1932 wöchentlich 40.000 Exemplare, während das Konkurrenzblatt Simplicissimus nur eine Auflage von ca. 30.000 erreichte.

Nach 1933 erwarteten die Autoren der Brennessel, die Konkurrenz in den anderen satirischen Blättern und auch die Publizisten in ihren Zeitdiagnosen, dass Satiren nach dem Muster der Brennessel sich nun allgemein als politische und populäre Form der Unterhaltung etablieren würden. Die aggressiven politischen Satiren der Brennessel, die sich mit den „richtigen“ Themen befassten – mit „den Juden“, mit wankelmütigen „Volksgenossen“, „Mischlingsdamen“ und der „Greuelpropaganda“ des Auslands – schienen nun zeitgemäß. Sie galt als neues Leitorgan des Komischen.

Doch entgegen der Erwartungen zeigte sich schnell, dass Satire im nationalsozialistischen Deutschland nicht überall auf Gegenliebe stieß und kein einfaches Geschäft war, selbst wenn sie sich wie im Fall der Brennessel breiter politischer Unterstützung erfreute und ideologisch scheinbar unangreifbar war. Das große und auch sichtbarste Problem der Satire in der NS-Zeit waren die Beschwerden aus dem Publikum, also von den Menschen und Personengruppen, die von den Satirikern angegriffen wurden. Bei den unterschiedlichsten Medien häuften sich die Klagen, die sich an scheinbaren Kleinigkeiten und harmlosen Sticheleien entzündeten. In ihrer Häufung und Vehemenz offenbaren sie ein weit verbreitetes Unbehagen an der Satire.

Die neue Empfindlichkeit bekamen die Autoren der Brennessel, die sich mit ihrer Form der Satire auf dem Weg zum Erfolg wähnten, sehr bald zu spüren. Zuerst sprangen mehrere Leser dem Filmschauspieler Otto Gebühr bei, den die Brennessel im März 1933 (Heft 12) in dem Artikel Schluß, Otto! aufs Korn genommen hatte. Gebühr hatte in der Weimarer Republik häufig Friedrich den Großen gespielt und war in konservativen und nationalistischen Kreisen durchaus beliebt. Carl Martin Köhn, der unter dem Pseudonym „Lanzelot“ zu den wichtigsten Autoren der Brennessel zählte, griff diese billig und in Serie produzierten Filme nun aber als „Kitsch-Patriotismus“ und „Filmmätzchen“ an. Die Reaktionen der Leser auf diese Angriffe fielen derart vehement aus, dass sich die Redaktion gezwungen sah, zur Verteidigung den redaktionellen Beitrag An „Porzia“! (Heft 16) zu bringen. Eine Leserin habe sich unter dem Decknamen „Porzia“ besonders hervorgetan und sich wie eine „Löwenmutter“ aufgeführt, die ihr Junges verteidige; sie habe gedroht, geschimpft und gepöbelt.

Die Redaktion fühlte sich so sehr angegriffen, dass sie externe Autoritäten ins Feld führte. Die der Satire zu Grunde liegende Haltung sei „vielfach (…) von unseren Ministern Dr. Goebbels und Goering“ bestätigt worden. Schließlich druckte die Brennessel sogar eine Stellungnahme des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda ab, die den vollen Einsatz der Filmindustrie für Deutschland und statt „Filmmätzchen“ politische Propaganda forderte. Der Vorgang zeigt, wie sehr sich die Redaktion unter Druck gesetzt fühlte und wie angegriffen das Selbstbewusstsein der nationalsozialistischen Satiriker schon zu diesem frühen Zeitpunkt war. Gleichzeitig deutete der Konflikt mit den Lesern bereits darauf hin, dass die Vorhersagen, die scharfe Satire werde sich als populäre Form des Komischen durchsetzen, als falsch erweisen würden.

Patrick Merziger, Berlin

Für den breiteren Kontext vgl. Patrick Merziger: Nationalsozialistische Satire und Deutscher Humor. Politische Bedeutung und Öffentlichkeit populärer Unterhaltung 1931 – 1945 (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 23). Stuttgart: Steiner 2010, S. 113-139.