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Die Pressekampagne zur „Bettlerrazzia“

Am 12. Juli 1933 schrieb Wilhelm Haegert, Abteilungsleiter im Propagandaministerium, an den Reichsinnenminister Wilhelm Frick und die SA-Führung:

„Von allen bisher zu den Vorarbeiten der Winterhilfe 1933 zugezogenen Stellen ist übereinstimmend der Meinung Ausdruck gegeben worden, daß Voraussetzung  für ein Gelingen der Winterhilfe die Bekämpfung des übermäßig angewachsenen Bettlerunwesens sei. Gerade die noch leistungsfähigsten und gebefreudigsten Bevölkerungskreise werden z. Zt. von den unwürdigsten Elementen, zum Teil ganz wohl situierten berufsmäßigen Bettlern, derart stark belastet, daß ihre Beiträge zu der offiziell organisierten Winterhilfe entsprechend geringer sein müssen. Eine Bekämpfung und möglichst weitgehende Unterdrückung des Bettelunwesens würde sich aber propagandistisch sehr wirkungsvoll für die Sammeltätigkeit zur Winterhilfe auswerten lassen.“

Dafür schlug er „schlagartig[e]“ Polizeimaßnahmen vor. Nach noch einmaligem Nachhaken fertigte das Reichsinnenministerium einen entsprechenden Erlass (2.9.1933) und setzte ihn zwischen dem 18. und 23. September um. Die Razzien kündigten Blätter wie die Vossische Zeitung bereits am 12.9.1933 an – einen Tag nach dem Völkischen Beobachter. Am ersten Tag der Razzien rief die bayerische Landesregierung dazu auf, die Polizei zu unterstützen.

Regionalzeitungen wie die Badische Zeitung (26.9.1933) meldeten detailliert Verhaftungszahlen über mehr als zehntausend Verhaftungen und behaupteten, dass Bettler und „Landstreicher“ organisierte Betrüger seien – nicht aber Bedürftige. Während das Hamburger Fremdenblatt über das „Unwesen des Berufsbettelns“ (15.9.1933) schrieb, schilderte die Berliner Morgenpost am 22. September zurückhaltender das Schicksal eines verurteilten Bettlers. Durchgängig waren die Artikel mit einem Aufruf versehen, für die Winterhilfe zu spenden. Kritische Fragen klangen ausnahmsweise in einem Interview der Schlesischen Volkszeitung (21.9.1933) mit einem anonymen Sachbearbeiter des Propagandaministeriums an.

Über die „Bettlerplage“ und Gegenmaßnahmen hatten schon Zeitungen im Kaiserreich (kommunale „Arbeitshäuser“) und in der Weimarer Republik berichtet. Das Bild mafiaähnlicher Bettlerorganisationen schaffte es 1931 auf die Kinoleinwand – so in Fritz Langs Film „M. Eine Stadt sucht einen Mörder“. Parlamentsabgeordnete forderten damals fraktionsübergreifend aus sozialhygienischen Erwägungen ein „Bewahrungsgesetz“: Als unzuverlässig angesehene Menschen müssten herausgefiltert und in einer sogenannten geschlossenen Fürsorge wieder an Arbeit herangeführt werden. Das Gesetz wurde vor 1933 nicht mehr verabschiedet; die NS-Regierung knüpfte an die Überlegungen an.

Die Termini „Arbeitsscheue“, „Asoziale“ oder „Gemeinschaftsfremde“ blieben weiterhin ohne klare Definition. Rassenideologisch aufgeladen war von gebärfreudigen „asozialen“ Familien und Stammbäumen die Rede. Einmal stigmatisierte Personen zählten nicht mehr zu der von Fleiß und Diensteifer bestimmten NS-Volksgemeinschaft, die von Not und Elend unbelastet zu bleiben hatte:

„Weiterhin ist eine organisierte Bekämpfung des Bettelunwesens aus Gründen einer gewissermaßen psychischen Hygiene nicht zu unterstützen. Wenn die oft in widerlich aufdringlicher Weise aus egoistischen Zwecken öffentlich zur Schau gestellte Not aus dem Gesichtskreis der werktätigen Bevölkerung, vor allem Fremde und Ausländer, verschwindet, so wird damit auch ein gewisses Gefühl der Befreiung und Erleichterung, der Stabilisierung der Verhältnisse und des wirtschaftlichen Vorwärtskommens gewährleistet.“ (Brief von Wilhelm Haegert an den Stabschef der SA Ernst Röhm, 12.7.1933.)

Die Zeitungsmeldungen über die Verhaftungen sollten Tatkraft demonstrieren und abschrecken. Der Völkische Beobachter meldete „erstes Konzentrationslager für Bettler“ (4.10.1933). Viele der Opfer erhielten Haftstrafen und mussten anschließend in Arbeitshäuser; nur einige wurden wieder entlassen.

1938 organisierten Gestapo und Kriminalpolizei die „Aktion ‚Arbeitsscheu Reich‘“ zur „vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“. Die Verhaftung von 10.000 Menschen – darunter Tausende Juden – blieben in den Zeitungen weitgehend unerwähnt. Angehörige von marginalisierten Gruppen – es waren zumeist Wohnungslose oder Fürsorgeempfänger, Prostituierte oder Sinti und Roma – wurden in Konzentrationslagern gesperrt und nicht selten zwangssterilisiert. Die „Bettlerrazzia“ bildete einen Auftakt zur späteren Massenvernichtung von Menschen, und die vom Regime gesteuerte Berichterstattung versuchte, dafür eine erste Akzeptanz in der Öffentlichkeit zu schaffen.

Oliver Gaida

Weiterführende Literatur:

Wolfgang Ayaß: „Asoziale“ im Nationalsozialismus. Stuttgart 1995.