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Die Satirezeitschrift „Simplicissimus“

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf die Artikel von

  1. Thomas Theodor Heine: Des Deutschen Frühlingslied [Zeichnung]. In: Simplicissimus 37,49 (1932/33), Titelblatt. [5. März 1933],
  2. „Simplicissimus: Erklärung!“ In: Simplicissimus 38,3 (1933/34), S. 26. [16. April 1933]

Der Simplicissimus war nach dem Kladderadatsch die traditionsreichste Satirezeitschrift im Deutschen Reich. 1896 von Thomas Theodor Heine und Albert Langen gegründete, hatte sie ihre Hochzeit im deutschen Kaiserreich. Die Autoren und Zeichner nahmen den Wilhelminismus aufs Korn, zahlreiche Skandale steigerten die Auflagen von 15.000 im Jahr 1897 auf 85.000 im Jahr 1904 und machten die Zeitschrift zu einer wichtigen kritischen Instanz. In der Weimarer Republik war die Zeitschrift zusammen mit ihren Abonnenten älter und konservativer geworden. Sie setzte weniger auf satirische Schärfe, fiel teilweise mit antidemokratischer Gesinnung auf, zehrte aber auch von ihrem Renommee, so dass die Redaktion immer wieder Mitarbeiter wie Kurt Tucholsky, Käthe Kollwitz, Joachim Ringelnatz oder Salomo Friedlaender (Mynona) gewinnen konnte.

Zwei Wochen nach dem Überfall auf das kleine, linke Blatt Die Ente Ende Februar wurde auch die berühmte Satirezeitschrift Simplicissimus Opfer eines Angriffs. Ein SA-Trupp verwüstete am 10. März 1933 die Redaktionsräume; zudem wurden die für den 12. und 19. März geplanten Ausgaben verboten. Bei dem Überfall zerstörten die SA-Männer gezielt eine Skulptur der roten Bulldogge, die seit dem Kaiserreich das Wahrzeichen der Satirezeitschrift war und Angriffslust und Stärke demonstrieren sollte. Geprägt hatte dieses Wahrzeichen Thomas Theodor Heine, der auch 1933 noch als Redakteur der Zeitschrift angehörte. Die Redaktion interpretierte den Überfall und das Verbot als Angriff auf ihren kritischen Geist, den konkret Thomas Theodor Heine verkörperte, der einzige Zeichner, bei dem ab und an noch Kritik aus einer emanzipatorischen Perspektive durchschien.

So hatte Heines letzte Karikatur vor der Zerstörung des Büros vom 5. März 1933 („Des Deutschen Frühlingslied“) nicht nur brandschatzende, prügelnde und mordende SA-Truppen gezeigt. Abgebildet waren auch Arbeiter und Angestellte, Aristokraten und Bummler, Jugendbewegte und Trachtenträger, die gleichzeitig im fröhlichen Reigen dem Wahllokal zustrebten und freudig die „neue Zeit“ begrüßten. Heine benannte anders als viele Kollegen deutlich beide Seiten des Problems im März 1933: Er thematisierte einerseits die Gewaltexzesse der Nationalsozialisten, zeigte aber auch, dass sie auf die Zustimmung oder zumindest die Gleichgültigkeit vieler Deutscher bauen konnten.

Die Redaktion des Simplicissimus schloss Thomas Theodor Heine aus. Als Heine auf sein Recht als Redaktionsmitglied bestand, schreckten die übrigen Redakteure nicht davor zurück, die SA um Hilfe bei der bei der Durchsetzung ihres Beschlusses zu bitten. Seine Kollegen trieben ihn im Verein mit den nationalsozialistischen Machthabern ins Exil.

In der Ausgabe vom 16. April 1933 veröffentlichte die Redaktion faktisch eine Kapitulationserklärung und signalisierte den Machthabern so, von nun an dem Nationalsozialismus „und seinen großen Zielen im Inneren wie nach außen auf seine Art zu dienen“. Der Simplicissimus habe schließlich bereits im Ersten Weltkrieg bewiesen, dass er „nicht bloß kritisch und negativ, sondern sehr nachdrücklich positiv sein kann: wenn es sich nämlich um Deutschland handelt.“ Nach „einer grundlegenden Umbesetzung der Redaktion“, gemeint war der Ausschluss von Heine, stehe einem Wirken im Sinn der NS-Ideologie nun nichts mehr im Wege.

Da die Redaktion des Simplicissimus zu dieser deutschlandweit wohl einzigartigen Geste der Unterwerfung bereit war, konnte die Zeitschrift bis 1944 weiter erscheinen. Gleichzeitig aber besiegelte diese Erklärung den Niedergang der Zeitschrift. Denn ein satirisches Blatt lebt eben davon kritisch und negativ zu sein, da sich Satire und Karikatur immer gegen ein Objekt richten und darauf abzielen, es lächerlich zu machen bzw. es (in der Sprache der Zeit) „zu vernichten“. Die Auflagenzahlen fielen rapide von 35.000 im Jahr 1931 über 26.000 im Jahr 1933 auf 11.822 im Jahr 1937. Dieser Trend war bei allen satirischen Zeitschriften im nationalsozialistischen Deutschland zu beobachten.

Patrick Merziger

Siehe dazu: Patrick Merziger: Nationalsozialistische Satire und Deutscher Humor. Politische Bedeutung und Öffentlichkeit populärer Unterhaltung 1931 – 1945 (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 23). Stuttgart: Steiner 2010, S. 104-112.