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Historische Orientierung

Hitlers „Friedensrede“

Die internationalen Verhandlungen über eine Abrüstung in Europa verliefen auch nach monatelangen Bemühungen unbefriedigend. Die Situation war insbesondere zwischen den französischen, britischen und deutschen Gesprächspartnern außerordentlich gespannt. Die Hitler-Papen-Hugenberg-Koalition beschloss deshalb am 12. Mai, den Reichstag einzuberufen. Dem Reichskanzler sollte damit die Gelegenheit zu einer ausführlichen Regierungserklärung über die außenpolitischen Grundsätze des Deutschen Reiches gegeben werden. Hitler erzielte mit seinen Ausführungen ein überraschendes Ergebnis: Das Rumpfparlament – ohne KPD und die in „Schutzhaft“ genommenen Abgeordneten – stimmte dem Reichskanzler nach kurzer Aussprache einstimmig zu. Hitlers Taktik, die er auch in den kommenden Jahren einhalten sollte, hatte den ersten großen innen- und auch außenpolitischen Erfolg gebracht: Es gelang ihm mit seinen moderaten Formulierungen und der Mischung von Konzilianz und Entschiedenheit „alle Welt“ über seine wahren Ziele zu täuschen.

Am 10. November 1938 enthüllte Hitler, nunmehr Diktator eines „völkischen Führerreichs“, in der „Hauptstadt der Bewegung“, in München, vor rund 400 Verlegern und „Hauptschriftleitern“, also Chefredakteuren, seine Strategie und die Motive seines jahrelangen Taktierens mit den Worten: „Die Umstände haben mich gezwungen, jahrzehntelang fast nur vom Frieden zu reden.“ Und dann führte er u.a. aus:

„Es ist selbstverständlich, daß eine solche jahrzehntelang betriebene Friedenspropaganda auch ihre bedenklichen Seiten hat; denn es kann nur zu leicht dahin führen, daß sich in den Gehirnen vieler Menschen die Auffassung festsetzt, daß das heutige Regime an sich identisch sei mit dem Entschluß und dem Willen, den Frieden unter allen Umständen zu bewahren. Das würde aber nicht nur zu einer falschen Beurteilung der Zielsetzung dieses Systems führen, sondern es würde vor allem auch dahin führen, daß die deutsche Nation, statt den Ereignissen gegenüber gewappnet zu sein, mit einem Geist erfüllt wird, der auf die Dauer als Defaitismus gerade die Erfolge des heutigen Regimes nehmen würde und nehmen müßte. […]

Es war nunmehr notwendig, das deutsche Volk psychologisch allmählich umzustellen und ihm langsam klarzumachen, daß es Dinge gibt, die, wenn sie nicht mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden können, mit Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden müssen. Dazu war es aber notwendig, nicht etwa nun die Gewalt als solche zu propagieren, sondern es war notwendig, dem deutschen Volk bestimmte außenpolitische Vorgänge so zu beleuchten, daß die innere Stimme des Volkes selbst langsam nach der Gewalt zu schreien begann. […]

Wir müssen jetzt mit allen Mitteln Schritt für Schritt das Selbstbewußtsein des deutschen Volkes stärken! […] Nur so, wissen Sie, wird auf die Dauer eine erfolgreiche Politik gemacht werden können. […] Es [das ganze deutsche Volk] muß lernen, so fanatisch an den Endsieg zu glauben, daß, selbst wenn wir einmal Niederlagen erleiden würden, die Nation sie nur, ich möchte sagen, von dem höheren Gesichtspunkt aus wertet: Das ist vorübergehend; am Ende wird uns der Sieg sein!“

Dazu ausführlicher: Sösemann / Lange, Propaganda, Nr. 1048.

Bernd Sösemann