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Schlageter-Kult

Alle politischen Systeme feiern, respektive propagieren historische Persönlichkeiten als Vorbilder. Dies geschieht aus vielfältigen Motiven und in unterschiedlicher Intensität multimedial. Die Methoden und Darstellungsformen sind zwar ebenso unterschiedlich wie die Motive und Intentionen, doch keine Regierung verzichtet auf ein derartig wirkungsvolles Mittel der staatlichen und parteipolitischen Traditionspflege sowie der gesellschaftlichen und moralischen Integration. Die Nationalsozialisten stellten die Namen und Biographien aller „Märtyrer der Bewegung“ auf Gedenksteinen und Denkmalen vor, im Hörfunk, in Filmen und Theaterstücken, auf Briefmarken und in Lesebüchern sowie in eigens gefertigten illustrierten Broschüren. Neben den sog. Alten Kämpfern des Putsches von 1923 gehörten dazu etliche der in den Straßenkämpfen gegen die Polizei und Anhänger der KPD gestorbenen Parteimitglieder der NSDAP oder deren Sympathisanten. Horst Wessel und der Freikorpskämpfer Albert Leo Schlageter (1894-1923) wurden jährlich öffentlich besonders geehrt.

Führende Politiker wie Goebbels, Göring und Rust sowie Gauleiter hielten nicht nur am zehnten Jahrestag der Erschießung Schlageters (26. Mai) im ersten Jahr der Hitler-Regierung Gedenkreden. Sie erinnerten darin an den knapp zwanzigjährigen Kriegsfreiwilligen, an seine militärische Karriere – er war bereits nach einem Jahr zum Offizier befördert worden –, an den Kampf im Winter 1918/19 gegen die Regierung der Sozialdemokraten und Sozialisten sowie an die Monate als Mitglied von Freikorps, die im Baltikum und Oberschlesien zum „Schutz des Deutschtums“ kämpften (1919-21). Man behauptete, Schlageter sei 1922 der NSDAP beigetreten. Nach dem Einmarsch französischer Truppen ins Ruhrgebiets wegen vorgeblich rückständiger Reparationsverpflichtungen des Deutschen Reiches beteiligte sich Schlageter an Angriffen und Anschlägen der „Organisation Heinze“ auf die Besatzungsmacht. Nachdem er in Gefangenschaft geraten war, verurteilte ihn ein französisches Kriegsgericht wegen Sabotage (Zerstörung einer Eisenbahnlinie) zum Tode. Die standrechtliche Erschießung fand auf der Golzheimer Heide bei Düsseldorf statt. Göring feierte dort am 29. Mai 1933 im Namen des neuen Deutschlands, an dessen Spitze nun der Volkskanzler Adolf Hitler stehe, Schlageter als „Vorbild der deutschen Jugend“. Sein Geist beseele die Mitglieder der NSDAP und sein Opfer sei „das Fundament des neuen Reiches. […] Der Deutsche glaubt wieder an sich und an sein Volk.“

Bernd Sösemann